Ortskundlicher Arbeitskreis


Eröffnung der Ausstellung
Erzhausen 1945 - 1950
Leben und Überleben damals
Als man aus Stahlhelmen Kochtöpfe machte
Samstag 5. März 2016
 

 


Lange vor Beginn der Eröffnungsveranstaltung fotografierte der Fotograf die noch nahezu leeren Ausstellungsräume:

Unten: eine Form zum Herstellen von Hohlblocksteinen, eine Schneidevorrichtung zum Schneiden von "Scheierbaombler" (selbst angepflanzter Tabak) und verschiedene nach dem Krieg übliche Schulranzen.

Selbstgebasteltes Kinderspielzeug.

 

Typisch für die damalige Zeit: mehrfach geflickte Kleidung.

Aus Stahlhelmen hergestellte Töpfe und Vasen und Kerzenständer aus Munitionsresten.

Ein deutscher Kriegsheimkehrer wird von einem amerikanischen Soldaten kontrolliert.

Schüler der Hessenwaldschule (HWS) haben eine Dokumentation
"Darmstadt nach dem Kriege" erstellt, die während der Ausstellung in Endlosschleife läuft.


Doch dann erscheinen die ersten Ausstellungsbesucher, der "Bücherbahnhof" füllt sich.

Eine kleine "Combo" des Blasorchesters der SVE spielt zum Beginn der Eröffnungsfeier.


Dann begrüsst Frau Christiane Lucht, die Leiterin des "Bücherbahnhofs", die Besucher und heißt sie alle recht herzlich willkommen.

Den Worten von Frau Lucht schließt sich Bürgermeister Rainer Seibold an.

Peter Schmidt, Ehrenstadtrat in Darmstadt, Buchautor, Zeitzeuge und ehemaliger Pädagoge aus Leidenschaft, der schon öfter an Veranstaltungen des Ortskundlichen Arbeitskreises in Erzhausen teilgenommen hatte, gab einige lustige aber auch ernste Geschichten aus der Nachkriegszeit in Darmstadt zum Besten. Er lobte die kompetente Arbeit des Ortskundlichen Arbeitskreises über alle Maßen.


Vier SchülerInnen der Hessenwaldschule brachten jeweils einen kleinen Vortrag
zu Gehör, der zeigte, wie die heutige Jugend über die Nachkriegszeit denkt.

Margarethe Grothues (rechtes Bild), die Lehrerin der SchülerInnen,
war ganz offensichtlich mit ihren Schützlingen zufrieden!

Hans Schmidt dankte den vier SchülerInnen ausdrücklich für ihren Beitrag.

Nun erzählte Herr Prof. Dietrich Neumann über seine Erlebnisse in
den Jahren nach Kriegsende und über seine Flucht in den Westen.

Ansprache von Prof. Dietrich Neumann

Der Krieg ist aus für Erzhausen 

Der Krieg ist aus, die Waffen schweigen. es kommt Frieden für die Menschen in Erzhausen, - aber nicht überall in Deutschland.

 Ich habe dem Wunsch von Hans Schmidt zugestimmt, heute etwas aus der Sicht derer zu sagen, die nicht in Erzhausen aufgewachsen sind. Wenn Sie hier nun stehend zuhören, muss ich mich sehr kurz fassen – unangemessen kurz für die Dimension des Themas. Das von Millionen im Frühjahr 1945 Erlebte liegt weit zurück nach 70 Jahren und 1000 km weit entfernt –und doch damals im gleichen Vaterland. 

Hier endete mit dem Einzug der Amis der Krieg, und es endeten die Ängste der letzten Zeit, man begann, sich wieder aufzurichten. Im Osten war man in diesen Wochen auf der oft panikartigen Flucht vor der Grausamkeit der siegreichen Roten Armee. Als die deutschen Fronten zusammenbrachen folgte für die Deutschen im Osten eine damals unabsehbare Zeit mit heute einfach nicht mehr vorstellbarer Anarchie und totalem Chaos.

Auch nach dem 9.Mai mit der Einstellung aller Kampfhandlungen änderte sich nichts für die Menschen östlich der Oder. Jetzt gab keine Hoffnungen mehr. Die Deutschen waren Freiwild für die disziplinlose Soldateska oder für Plündernde und Marodeure im Gefolge der Fronten. Keinen kümmerte es, wenn man Deutsche peinigte oder einfach erschoss .

Die Menschen irrten durch in den letzten Kämpfen verwüstete, fast menschenleere Gebiete. Es gab keinen, der für irgend etwas zuständig war. Es gab keinen Arzt , kein Krankenhaus, keine Apotheken Es gab kein Geld oder keine Läden Es gab keinen elektrischen Strom und kein frisches Wasser Es gab keine Nachrichten oder Anweisungen Es gab keine Bekannten, Nachbarn, Freunde  im Umfeld.

Es gab dennoch – allerdings sehr selten  - Menschen die ihr Letztes teilten, einzelne russische Offiziere, die versuchten zu helfen, und es gab immer wieder auch Errettungen und Fügungen, die man in tiefster Dankbarkeit wie ein Wunder wahrnahm.

Irgendwie überlebte man durch Kartoffeln, die in Mieten oder Kellern gefunden wurden, von Geteiltem und –  es war ja Frühjahr – durch frisch gewachsene Wildkräuter. In einem kleinen Häuschen rückte man für uns dicht zusammen, und wir konnten mit 9 Personen in einem kleinen Zimmerchen die Nächte auf abends aufgeschüttetem Stroh verbringen. Man blieb ahnungslos vom Weltgeschehen. 

Das galt vor allem im Herbst des Jahres, als die frisch eingerichteten polnischen Behörden die sofortige Ausweisung aller nicht ansässigen Deutschen verfügte. Es bedeutete für uns etwa 300 km Fußmarsch durch Ostpommern bis Anklam mit kleinen Kindern und Alten, kaum Gehfähigen.

Immer wieder erfuhren wir auf diesem Elendszug dankbar Hilfen von neu angesiedelten Polen oder anderen Wanderern, die oft ganz ähnliche Wege wie wir zu gehen hatten. 

Schließlich landeten wir im Spätherbst im vom Krieg ziemlich verschonten Münsterland. Dort waren wir zunächst nicht allzu herzlich willkommen. Arme, abgerissene Habenichtse ohne Pässe und Papiere, von der Polizei ins Haus gesetzt, arbeitslos und auch noch evangelisch im streng katholischen Umfeld !

Gibt es doch heute ganz ähnlich ! 

Doch gab es Menschen, die sich -unvergessen- unserer annahmen, Kontakte knüpften, Möglichkeiten eröffneten und gegenseitiges Verständnis brachten. 

Nach mühsamen Aufbaujahren landeten wir in Hessen und Anfang der 60er Jahre in Erzhausen. Auch hier spürte man geraume Zeit den Abstand zwischen „Erzhäusern“ und den Anderen. Doch die unverdrossene Mitarbeit – in unserem Falle in der Gemeindevertretung, in der Kirchengemeinde und in freundschaftlich verbundenen Kreisen haben Vorurteile und kritische Wahrnehmung immer mehr eingeebnet:

Man wurde in einander guter Nachbar und Freund. Wir sehen dankbar zurück auf alle Wege hierher, und wir sind dankbar, hier leben und wirken zu können.

Jörg Dohn dankte Herrn Neumann für seinen sehr interessanten Beitrag. Er lobte auch die große Unterstützung, die die "Macher" der Ausstellung durch die Leitung des Bücherbahnhofs, Frau Lucht und Frau Knöß, erhalten hatten. Frau Weber überreichte den beiden Damen einen Blumenstrauß im Namen des Ortskundlichen Arbeitskreises.


Hans Schmidt, der eigentliche "Vater" dieser Ausstellung,  berichtete über die Gründe und Überlegungen, die zu dieser Ausstellung geführt haben, und gab eine Einführung in die Ausstellungsbereiche.

Jetzt musste ihn Frau Weber aber doch daran erinnern, dass der offizielle Teil beendet und nun für alle Sekt und Erzhäuser Museumsbrot mit Schmalz angeboten werden sollte.


Die "Combo" des Blasorchesters der SVE spielte noch ein paar Stücke, dann begann der Teil der Ausstellung, wo sich jeder, bewaffnet mit einem Glas Sekt und/oder einem Schmalzbrot, durch die Ausstellung bewegen oder sich mit anderen Gästen austauschen konnte.

Freundliche OAK-Damen servieren Schmalzbrot und Sekt.

Am Sonntag nach der Eröffnung (und auch an den dann noch folgenden Sonntagen während der Ausstellungsdauer) werden im Keller des Bücherbahnhofs Filme über die Nachkriegszeit vorgeführt. Es lohnt sich auf jeden Fall, diese Ausstellung zu besuchen und sich auch diese Filme anzusehen.


Artikel im Darmstädter Echo vom 7. März 2016